Kampf um die Buchseiten: Wenn KI den Literaturmarkt aufmischt
In der Maxvorstadt, wo die Luft nach frisch gebrühtem Kaffee und alten Buchseiten riecht, gibt es gerade ein Thema, das die Gemüter erhitzt. Bernhard Kitzinger, der Inhaber eines Antiquariats, hat in letzter Zeit massiven Zuwachs an Bestellungen durch eine kanadische Firma erlebt. Zoom Books heißt der Anbieter und hat es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, die Bücherregale europäischer Antiquariate leer zu kaufen. Rund 100 Bücher hat die Firma geordert – Fachliteratur, die meist aus den 70ern stammt, für etwa zehn Euro das Stück. Die Versandkosten? Manchmal das Vierfache des Buchwerts! Da fragt man sich, was dahintersteckt.
Wie sich herausstellt, könnte die Antwort auf diese Frage die Buchbranche auf den Kopf stellen. Die Bücher wandern zunächst in die USA, um dann an eine Adresse an der polnischen Grenze weitergeleitet zu werden. Kitzinger und viele andere Buchhändler sind alarmiert. Die Vermutung liegt nahe, dass die Bücher zum Scannen und zum Training von Künstlicher Intelligenz (KI) genutzt werden. Das sorgt nicht nur für Verwirrung, sondern auch für große Besorgnis über die Zukunft des Urheberrechts. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat bereits seine Bedenken geäußert. Wie kann es sein, dass KI-Konzerne geschützte Werke ohne Einwilligung und Vergütung verwenden dürfen? In Deutschland erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Autors, aber bei internationalen Regelungen sieht’s oft anders aus.
Alarmstimmung in der Buchwelt
Auf der Frankfurter Buchmesse hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimar die aktuelle Lage ebenfalls thematisiert. Er warnt davor, dass Künstliche Intelligenz das kreative Potenzial der Literaturbranche ausnutzen könnte. Das große Problem? Autoren, die ohnehin oft nur wenig Geld mit ihren Werken verdienen, könnten durch die massenhafte Nutzung ihrer Inhalte zum Training von KI noch weiter in die Mangel genommen werden. Ein Teufelskreis, der nicht nur die Einnahmen durch Klicks auf Verlagsseiten gefährdet, sondern auch die Existenz vieler Schriftsteller.
Stefan Könemann, Vorstandsmitglied des Börsenvereins, beklagt massive Urheberrechtsverletzungen durch US-amerikanische Großkonzerne. Rund 50 Verfahren laufen in den USA gegen Tech-Unternehmen, die geschützte Werke ohne Zustimmung der Urheber nutzen. So klagt der amerikanische Autor Charles Graeber gegen das KI-Unternehmen Anthropic. Ein Urteil stellte fest, dass die Nutzung der Bücher zwar legal war, aber der Weg, wie Anthropic an die Bücher gelangte, illegal. Das hat zur Folge, dass Anthropic eine Entschädigung von 1,5 Milliarden US-Dollar zahlt, die unter den Rechteinhabern aufgeteilt wird. Dennoch bleibt die Frage: Was bleibt den Autoren von diesem Betrag? Graeber selbst erhält nur etwa 3.000 US-Dollar pro Buch – ein Betrag, der nicht ausreicht, um davon zu leben.
Die rechtlichen Grauzonen
Ein weiteres Thema, das in der Diskussion um KI und Urheberrecht nicht fehlen darf, ist das Urteil des Landgerichts München. Hier wurde entschieden, dass Text- und Data-Mining-Schranken nicht für generative KI-Systeme gelten. Das Gericht stellte fest, dass die dauerhafte Speicherung von Inhalten nicht abgedeckt ist, was bedeutet, dass KI-Anbieter sorgfältig mit urheberrechtlich geschützten Inhalten umgehen müssen. Ein richtungsweisendes Urteil, das die Position kreativer Urheber stärken könnte. Die Buchbranche plant, sich auf der Buchmesse Leipzig im März 2024 mit den Auswirkungen von KI auseinanderzusetzen. Die Zeit drängt, denn klare Regeln für den Umgang mit KI und geschützten Inhalten sind mehr als nötig.
Kitzinger denkt über die Folgen dieser Entwicklungen nach und äußert seine Besorgnis. Es könnte passieren, dass KI Bücher generiert, die oft minderwertig sind und neben den Originalwerken in Suchergebnissen auftauchen. Ein beunruhigendes Gedankenspiel, das zeigt, wie wichtig ein regulierter Umgang mit der Technologie ist. Wenn wir nicht aufpassen, könnten wir eines Tages in einer Welt leben, in der die Qualität der Literatur unter dem unregulierten KI-Training leidet. Die Buchbranche steht vor einer Herausforderung, die nicht nur rechtliche, sondern auch kreative Dimensionen hat. Und wie es scheint, wird die Diskussion darüber noch lange nicht enden.
