Erinnerung und Gedenken: Neun Jahre nach dem Terroranschlag im OEZ München
Am 22. Juli 2016, an einem Tag, der in die Geschichtsbücher hätte eingehen sollen als ein Tag des reinen Vergnügens, geschah das Unvorstellbare im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München. Ein rechtsextremer Attentäter nahm das Leben von neun Menschen, darunter auch den 14-jährigen Can Leyla, der für einen Nachmittag mit seinen Freunden einfach nur einen Burger bei McDonald’s genießen wollte. Stattdessen kehrte er nie mehr nach Hause zurück und hinterließ eine Lücke, die nicht zu schließen ist.
Can war ein leidenschaftlicher Fußballer, voller Träume und Pläne. An diesem schicksalhaften Tag hatte er kein Training, sondern war auf dem Weg, um Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Was für eine schreckliche Ironie, dass ein Ort, der normalerweise für Freude und Geselligkeit steht, zum Schauplatz eines grausamen Verbrechens wurde. Die anderen Opfer waren ebenfalls allesamt junge Menschen, mit Leben und Hoffnungen, die durch das brutale Handeln eines Einzelnen ausgelöscht wurden. Armela S. (14), Sabina S. (14), Selçuk K. (15), Janos Roberto R. (15), Hüseyin D. (17), Dijamant Z. (20), Giuliano K. (19) und Sevda D. (45) – ihr Schicksal erinnert uns an die vergängliche Natur des Lebens und die Gefahr, die von Hass und Intoleranz ausgeht.
Ein unvergesslicher Tag des Gedenkens
Heute, am 21. Juli 2026, stehen die Leylas und viele andere Angehörige der Opfer vor der Herausforderung, die Erinnerung wachzuhalten. Hunderte bis über tausend Menschen nahmen an der Gedenkfeier zum 9. Jahrestag des rassistischen Terroranschlags im OEZ teil. Porträts der neun Opfer wurden aufgestellt und ehrten die Erinnerung an diese jungen Menschen, deren Leben viel zu früh endete. Die emotionalen Reden, das Schweigen der Trauer und der Austausch von Erinnerungen schaffen eine Atmosphäre, die sowohl tröstlich als auch schmerzhaft ist.
Sibel Leyla, Cans Mutter, äußerte in ihrer Ansprache mit Nachdruck die Notwendigkeit, die rechtsextreme Motivation des Täters anzuerkennen. Sie und andere Opferfamilien fordern eine vollständige Aufklärung und kritisieren das bisherige Schweigen und die Nachlässigkeit der Behörden. Immer wieder zeigen sich die Leylas und andere Angehörige enttäuscht über das Versagen der Politik. Der Kampf um die Wahrheit, um die Erinnerung an die Opfer, ist für sie nicht nur ein persönliches Anliegen, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag.
Ein Kampf um Anerkennung
Der lange Weg zur Anerkennung der rechtsextremen Motivation des Attentats war steinig und von Zweifeln geprägt. Erst drei Jahre nach dem Anschlag wurde diese Motivation offiziell anerkannt, was den Angehörigen und der Zivilgesellschaft das Gefühl gab, jahrelang im Stich gelassen worden zu sein. Ein Gedenkraum wurde im Stadtteil Moosach eingerichtet, doch die versprochenen Stelen an den Gräbern der Ermordeten stehen noch immer aus. Münchens zweiter Bürgermeister, Dominik Krause, äußerte in der Gedenkfeier die Hoffnung auf eine baldige Umsetzung der Maßnahmen, aber für viele ist das nicht genug. Gisela Kollmann, die Großmutter von Guiliano, fordert Taten statt Worte – eine Gedenktafel an seinem Grab, um die Erinnerung weiter zu tragen.
Das Thema rechtsextreme Gewalt in Deutschland ist nach wie vor ein Tabu. Auch wenn die Erinnerung an den Holocaust und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zentral in der deutschen Erinnerungskultur sind, wird der Umgang mit rechtsextremistischer Gewalt oft vernachlässigt. Die Zivilgesellschaft und die Betroffenen selbst spielen eine wichtige Rolle dabei, diese Leerstellen im kollektiven Gedächtnis zu füllen und für Aufklärung zu sorgen. Der Anschlag im OEZ reiht sich ein in eine lange Liste tragischer Ereignisse, die dazu aufruft, das Schweigen zu brechen und über die Gefahren von Rassismus und Intoleranz zu sprechen.
Die Erinnerung an die Opfer, ihre Geschichten und die Kämpfe ihrer Familien sind entscheidend, um zu verstehen, was damals geschah und um zu verhindern, dass sich solche Gräueltaten wiederholen. In den Worten von Überlebenden wie Hüseyin Bayri wird klar, dass Rassisten in Menschen keine Gleichwertigkeit sehen. „Wir sind Teil dieser Gesellschaft und keine Gäste im Land“, betont Sibel Leyla, und damit trifft sie einen Nerv, der über die Grenzen von München hinausgeht.
