Sonntage haben für viele Menschen einen besonderen Charme – die Ruhe, das entspannte Nichtstun und vielleicht ein gutes Buch, das auf dem Tisch liegt. Doch was ist das, was viele am Sonntagabend übermannt, wenn die Vorfreude auf die neue Woche plötzlich in einen Schauer der Angst umschlägt? Man spricht vom Phänomen der „Sunday Scaries“. Man hat das Gefühl, dass der Magen sich zusammenzieht, während man über die anstehenden Termine und unerledigten Aufgaben nachdenkt. Da hilft kein noch so entspannendes Bad, denn es kommt immer wieder dieses nagende Gefühl der Erschöpfung, das einen vor dem Arbeitsbeginn überkommt.
Die Symptome sind vielfältig: Schlafmangel, ein flaues Gefühl im Magen, und nicht selten eine innere Unruhe, die nicht abklingen will. Laut einer Studie der American Academy of Sleep Medicine aus dem Jahr 2022 haben 79 % der Befragten am Sonntag Schlafprobleme. Besonders betroffen sind junge Menschen – die Generation Z und die Millennials – die häufig unter dem Druck des Arbeitslebens leiden. Florian Becker, Diplompsychologe, beschreibt diese „Sonntagsangst“ als eine Form der Erwartungsangst, die durch Faktoren wie ein angespanntes Arbeitsklima, fehlende Anerkennung und Druck vom Chef verstärkt wird.
Ursachen und Auswirkungen
Das Phänomen hat mehrere Ursachen. Die innere Haltung zur Arbeit spielt eine große Rolle, und der Negativity Bias – die Tendenz, sich auf negative Gedanken zu konzentrieren – macht alles nur noch schlimmer. Gerade in Online-Foren wie Reddit tauschen Betroffene ihre Erfahrungen aus. Da wird schnell klar, dass viele nicht allein mit ihren Ängsten sind. Becker empfiehlt einen Perspektivwechsel: Statt in die negative Spirale zu geraten, ist es sinnvoll, sich auf positive Erlebnisse zu freuen und die eigene Selbstakzeptanz zu stärken. Es sind oft kleine, machbare Schritte, die helfen, Stresssituationen zu bewältigen, und das Ziel sollte sein, den Sonntag als echten Erholungstag zurückzugewinnen.
Aber was können wir konkret tun, um dem entgegenzuwirken? Ein offener Umgang mit psychischen Belastungen kann helfen, frühzeitig Anzeichen zu erkennen und so psychischen Störungen vorzubeugen. Arbeitgeber haben dabei eine wichtige Rolle. Sie sind gesetzlich verpflichtet, die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu schützen, und dazu gehört auch die psychische Gesundheit. Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und die Gefährdungsbeurteilung zur Prüfung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz sind nur einige Beispiele dafür, wie Unternehmen aktiv werden können. Angebote zur Stressbewältigung, wie zum Beispiel Kurse zur Entspannung oder Bewegungsförderung, können ebenfalls Teil der Lösung sein.
Der Weg zur Besserung
Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung für das Arbeitsklima. Sie sollten Herausforderungen im Team erkennen und gemeinsam Lösungsansätze finden. Kommunikation auf Augenhöhe sowie die Balance zwischen Arbeit und Erholung sind essenziell. Wer diese Werte vorlebt, schafft ein Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen können. Und das ist nicht nur wichtig für das Wohlbefinden, sondern steigert auch die Leistungsfähigkeit und die Zufriedenheit im Berufsalltag. Arbeitgeber können die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) unterstützen, um psychische Belastungen zu reduzieren. Die AOK bietet beispielsweise ein kostenfreies Online-Programm „Gesund führen“ an, das interaktive Module und Selbsttests beinhaltet.
Beschäftigte können aktiv Themen wie Weiterbildung oder flexible Arbeitszeiten ansprechen, und das sollten sie auch tun! Gesund führen heißt auch, dass man nicht alleine ist mit seinen Sorgen. Der Austausch und die Unterstützung untereinander sind entscheidend. Kleine Dinge, wie ein kurzer Spaziergang in der Mittagspause, können helfen, die eigene Resilienz zu stärken und den Stress abzubauen. Wichtig ist, Aufgaben zu priorisieren, Hilfe anzunehmen und vor allem Grenzen zu setzen. Perfektionismus und Schwierigkeiten bei der Abgrenzung können zusätzlichen Druck erzeugen, den wir alle nur zu gut kennen.
Die „Sunday Scaries“ sind ein weit verbreitetes Phänomen, das viele Menschen betrifft. Doch mit einer offenen Haltung und den richtigen Strategien kann jeder lernen, besser mit diesem Stress umzugehen – und vielleicht wird der Sonntag dann wieder ein Tag, an dem man wirklich zur Ruhe kommt.