Heute ist der 21.05.2026. In Milbertshofen-Am Hart treffen wir auf einen bemerkenswerten Mann: Bernhard Claus. Mit 62 Jahren hat er eine Lebensgeschichte, die viele zum Staunen bringt. Vor 40 Jahren, als er gerade 22 war, veränderte ein Motorradunfall sein Leben radikal – er erblindete. Seitdem hat er sich in eine Welt ohne Licht hineingearbeitet, die ihn nicht gebrochen, sondern stark gemacht hat.
Das Leben ohne Augenlicht bringt natürlich Herausforderungen mit sich. Bernhard hat gelernt, sich mit einem Langstock fortzubewegen und Brailleschrift zu lesen. Es sind alltägliche Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind, die für ihn zu einer wahren Herausforderung wurden. Doch er hat nie aufgegeben. In den 25 Jahren, die er nun beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) in München arbeitet, hat er sich besonders für Barrierefreiheit und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Klar, die Dinge sind nicht immer einfach.
Ein kritischer Blick auf den Hauptbahnhof
Seinen kritischen Blick hat er auch auf den Münchner Hauptbahnhof geworfen. Dort gibt es, so Claus, noch viel zu tun. Besonders das Fehlen eines taktilen Leitsystems in der großen Halle ist ihm ein Dorn im Auge. Es wird zwar umgebaut und die Deutsche Bahn plant, ein solches System einzuführen, doch die Zeit drängt. Um die Orientierung für Blinde zu verbessern, stellte er einen Antrag, der dazu führte, dass ein Leitstreifen um eine Verkaufsstelle verlegt wurde. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt.
Doch nicht nur die baulichen Gegebenheiten bereiten ihm Kopfzerbrechen. Viele Bahndurchsagen sind unverständlich und das wird für blinde Menschen schnell zur Stolperfalle. Umso wichtiger ist die App, die ihm hilft, vor E-Scootern gewarnt zu werden. Diese kleinen Geräte, die in der Stadt immer populärer werden, empfindet er als echte Gefahr.
Lebensfreude trotz Einschränkungen
Aber Bernhard ist kein Mensch, der sich von Schwierigkeiten unterkriegen lässt. Seine Hobbys – Skifahren und Tandemfahren – hat er nach dem Unfall beibehalten. „Das Vertrauen in meinen Guide beim Skifahren ist alles“, sagt er mit einem Lächeln. Wenn er darüber spricht, merkt man die Begeisterung in seiner Stimme. Er hat eine ganz eigene Art, das Leben zu leben, auch wenn er nicht mehr sieht. Komischerweise träumt er nur von Menschen, die er vor seinem Unfall kannte. Die Gesichter neuer Bekanntschaften sind ihm unwichtig – in seinem Kopf sind seine Familie und er nicht gealtert.
Bernhards Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von Verlust, sondern auch von Mut und Anpassungsfähigkeit. Sie macht deutlich, wie wichtig Barrierefreiheit ist, nicht nur für Menschen mit Behinderungen, sondern für alle. Die Stadt München hat hier noch einen weiten Weg vor sich, um wirklich inklusiv zu sein. Die Herausforderungen, die Bernhard anspricht, sind für viele eine Realität, die oft übersehen wird.
In einer Stadt, die sich ständig weiterentwickelt, bleibt die Frage: Wie können wir sicherstellen, dass niemand zurückgelassen wird? Die Baumaßnahmen im Hauptbahnhof sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber der Weg zur vollständigen Barrierefreiheit ist noch lang. Wichtig ist, dass solche Stimmen, wie die von Bernhard Claus, gehört werden. Denn nur so können wir eine Stadt schaffen, die für alle zugänglich ist – und das ist es, was wir uns wünschen sollten.