Ostdeutschland neu denken: Marieke Reimanns Kampf gegen Klischees und für Sichtbarkeit
In den letzten Jahren wurde Ostdeutschland oft in einem negativen Licht dargestellt. Klischees, die aus der Zeit der Wiedervereinigung stammen, haben sich hartnäckig gehalten. Marieke Reimann, geboren 1987 in Rostock und aufgewachsen im Plattenbau, hat das hautnah erlebt. Als Journalistin und ehemalige Chefredakteurin hat sie die Aufgabe, eine andere Sicht auf die Dinge zu fördern und sich gegen die stereotype Darstellung der Ostdeutschen zu wehren. In ihrem neuesten Buch verbindet sie persönliche Reportage mit einer scharfen Analyse und kritisiert die gesellschaftlichen Leerstellen, die immer noch bestehen.
In einer Welt, in der Einheitsfeiern oft ohne Ostdeutsche stattfinden, fragt Reimann, warum es so schwierig ist, ein angemessenes Bild von Ostdeutschland in den westdeutschen Medien zu finden. Ihre kritischen Beobachtungen decken die politischen Strömungen auf, die in den letzten Jahren den rechten Rand gestärkt haben. „Ehrlich gesagt, es ist an der Zeit, die Sichtbarkeit des Ostens zu erhöhen“, sagt sie und appelliert für eine gerechte Einheit, die nicht nur in Worten, sondern auch in Taten besteht.
Einblicke in die Medienlandschaft
Reimann ist nicht nur eine Stimme, die sich für ihre Region einsetzt; sie ist auch die einzige ostdeutsche Chefredakteurin bei einem westdeutschen Sender. Diese Rolle hat sie bis Ende 2024 inne, bevor sie eine Auszeit nehmen und neue Wege beschreiten möchte. Während ihrer Zeit beim SWR hat sie immer wieder auf die Klischees hingewiesen, die die Berichterstattung über Ostdeutschland prägen. „Es ist einfach frustrierend zu sehen, wie oft das Bild von Ostdeutschen auf Stereotypen beruht“, reflektiert sie.
Eine MDR-Medienanalyse zeigt, dass negative Themen wie Rechtsextremismus und Protest die Berichterstattung dominant bestimmen. In den letzten 35 Jahren haben westdeutsche Medien nur sporadisch über Ostdeutschland berichtet, was zu einer verzerrten Wahrnehmung geführt hat. Nur 8% der Führungspositionen in deutschen Medien sind mit Personen aus ostdeutscher Biografie besetzt. Das ist alarmierend und zeigt, wie wenig Diversität in der Medienlandschaft wirklich vorhanden ist.
Persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Veränderungen
Reimann hat selbst Klischees und Unwissen in westdeutschen Redaktionen erlebt. Sie erzählt von Ignoranz gegenüber wichtigen kulturellen Persönlichkeiten wie dem DDR-Liedermacher Reinhard Lakomy oder Václav Havel. „Das ist nicht nur frustrierend, sondern auch erniedrigend“, sagt sie. Diese Ignoranz hat nicht nur Auswirkungen auf die Medienberichterstattung, sondern auch auf die wirtschaftlichen Unterschiede, die nach der Wiedervereinigung bestehen blieben. Das Vermögen westdeutscher Haushalte ist doppelt so hoch wie das ostdeutscher Haushalte – da ist es kein Wunder, dass viele Ostdeutsche sich benachteiligt fühlen.
Eine Umfrage des MDR zeigt, dass 77% der Menschen in Mitteldeutschland die überregionale Berichterstattung über den Osten als eher negativ einschätzen. Nur 3% fühlen sich positiv repräsentiert. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig es ist, dass Geschichten mit und nicht über Ostdeutsche erzählt werden. Reimann nennt ostdeutsche Magazine wie Katapult, Veto und Kreuzer, die genau das tun und eine Stimme für die Region bieten. „Wir brauchen die Perspektiven von Nicht-Akademikern im Journalismus“, so ihr Appell, um die Vielfalt der ostdeutschen Lebensrealität angemessen abzubilden.
Mit ihrem Engagement als Mentorin für junge Journalist*innen setzt sie ein Zeichen für Diversität in den Medien. Es bleibt zu hoffen, dass die Veränderungen, die sie anstrebt, auch nach ihrem Ausscheiden aus dem SWR weitergetragen werden. Denn der Osten ist kein Zoo, wie sie treffend formuliert; er ist ein Teil Deutschlands, der sichtbarer, gerechter und vor allem respektvoller behandelt werden sollte.
